Eine der grössten «humanitären» Aktionen der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg verhalf einer entschlossen handelnden Gruppe dazu, 1951/52 in Brasilien eine völkisch definierte, geschlossene Siedlerkolonie zu gründen, um die Idee des deutschen Herrenvolkes in die Nachkriegszeit hinüberzuretten. Dass ehemalige Angehörige der Waffen-SS mitwirkten, schien niemanden wirklich zu stören – ebenso wenig der rassistische Blick auf die indigene Bevölkerung in Brasilien, welche die Siedler teils vertrieben, teils als billige Arbeitskraft heranzogen.
Die Aktion hatten Exponenten der katholischen Kirche in Österreich und des Vatikans zusammen mit einem radikalen Kreis von «Donauschwaben» aus dem Ustaša-Staat Kroatien vorbereitet und aufgegleist. Das ehrgeizige Siedlerprojekt kam erst voran, nachdem sich die Schweizer Caritaszentrale in Luzern eingeschaltet hatte. Angesichts der Grösse der Aufgabe kam sie aber zur Einsicht, dass sie die Aktion nicht allein stemmen konnte – und schaltete schrittweise die Schweizer Europahilfe und damit die Schweizer Behörden ein.
Bundesrat und Parlament winkten die Aktion durch, ohne allzu viele Fragen zu stellen. Nur zu gut passte die Stilisierung von Deutschen zu den Opfern der Nachkriegszeit in ihr Bemühen, von der antisemitisch geprägten Flüchtlingspolitik der Schweiz und ihrer lukrativen Mitwirkung in der nationalsozialistischen und faschistischen Kriegswirtschaft abzulenken. «Humanitäre Hilfe» war ein geradezu ideales Mittel der aussen- und innenpolitischen Krisenbewältigung auf der Grundlage eines organisierten Vergessens.
«Im Buch ‹Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher› beschreibt Hug, wie es soweit kommen konnte, dass namhafte Schweizer Hilfswerke und Behörden die Auswanderung von mutmasslichen Kriegsverbrechern möglich machten. Er deckt dabei komplexe Verflechtungen, Intrigen und Korruption auf. Der kriminellen Energie von zentralen Figuren des Projekts standen naive Beamte gegenüber. Gleichzeitig macht Hug unmissverständlich klar, worum es beim Brasilienprojekt eigentlich ging: Um eine geschlossene Siedlerkolonie, in der Faschisten ihre völkisch-rassistische Vision nach dem Ende des Dritten Reichs weiterverfolgten.»
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«Die Schweiz hat von 1949 bis 1952 die Gründung einer Siedlerkolonie von 2500 Deutschen aus Osteuropa in Brasilien ermöglicht. Dabei wurde die indigene Bevölkerung vertrieben und ausgebeutet. In einem Staatsvertrag zwischen den beiden Ländern wurde die Finanzierung geregelt: So gewährte Brasilien der Schweizer Industrie zusätzliche Exportkontingente, auf denen Gebühren zur Finanzierung der Siedlung erhoben wurden. Beim Siedlungsprojekt waren mindestens 16 Angehörige der Waffen-SS dabei, wie der Berner Historiker Peter Hug in der neu erschienenen Studie ‹Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher. Zur Errichtung einer völkischen Siedlerkolonie in Brasilien› nachweist. Er geht von einer hohen Dunkelzifffer aus.»
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«Im Auftrag von Swissaid, Caritas Schweiz, dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk und Solidar Suisse hat Peter Hug ein Buch mit dem Titel ‹Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher› geschrieben. Es ist so gründlich wie kritisch.»
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«Auch die Öffentlichkeit diskutiert derzeit vermehrt über Schweizer Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus. […] In diese Debatten platzt nun ein Buch, das unter Fachleuten schon vor seiner Publikation für Aufsehen sorgt. Es handelt von der wenig beleuchteten Rolle der Schweizer Hilfswerke nach dem Zweiten Weltkrieg – und behandelt die Frage, wem das Mitgefühl der Schweiz galt: den Opfern des Holocausts oder den heimatlos gewordenen Deutschen?»
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