«Goldene Jahre» im kalten Krieg?
Beiträge zur Schweizer Zeitgeschichte
C. W. Der historischen Aufarbeitung des Verhaltens der Schweiz während des
Zweiten Weltkriegs steht keine vergleichbare Beschäftigung mit der
Geschichte des folgenden halben Jahrhunderts gegenüber. Natürlich liesse
sich auch nicht von einer vergleichbaren Bewährungsprobe reden. Waren die
Jahrzehnte seit 1945 aber einfach eine Zeit der Normalität, der politischen
Stabilität und des wirtschaftlichen Wachstums, im Grunde problem- und
spannungslos? Die acht unter dem Titel «Goldene Jahre» publizierten
Beiträge, die auf einem Zyklus der Zürcher Volkshochschule beruhen,
vermitteln, wenn auch nur unter einzelnen Aspekten, ein anderes Bild.
Reformschübe und Gegenbewegungen
Ungebrochen war die Entwicklung auch während der Epoche der weltpolitischen
Blöcke nicht. Mario König unterscheidet in der Innenpolitik mehrere Phasen.
Die unmittelbare Nachkriegszeit hatte Reformen (AHV) wie auch Arbeitskämpfe
gebracht und endete mit der «Rückkehr zur direkten Demokratie», deren
Initianten den Interventionsstaat zu bremsen hofften. Der kalte Krieg
stärkte vorerst die konservativen Kräfte, integrierte indessen 1959/60 die
Sozialdemokratie in den Bundesrat, was eine Basis des herausragenden
«reformerischen Aktivismus» der sechziger Jahre war. Ab 1973 dämpfte die
Rezession staatliche Planungen wie gesellschaftliche Bewegungen bis in die
Zeit des Wiederaufschwungs hinein. Das Ende der globalen Systemkonkurrenz
(1989) begünstigte dann die nationalistische, antisozialstaatliche und
antiparlamentarische Strömung. - Die gesellschaftliche Entwicklung (Thema
von François Höpflinger) wird seit Jahrzehnten von der Individualisierung
geprägt. Wenig bekannt ist, dass nach dem Krieg die Familie neu aufgelebt
war, das Heiratsalter sank und die Rationalisierung des Haushalts privat
genutzt wurde, bis Mitte der sechziger Jahre die Pille, längere
Ausbildungen und die Zunahme der Erwerbsarbeit der Frauen eine Wende
bewirkten.
Wirklichkeit und Bewusstsein
In der Aussenpolitik erkennt Peter Hug einen um 1960 einsetzenden
Strukturwandel vom Bilateralismus, wie er in der Krisen- und Kriegszeit
begründet worden war, zum («technischen») Multilateralismus und von einem
Neutralismus, der noch Perspektiven in der Dritten Welt und in Osteuropa zu
haben schien, zur «Westintegration», wie er sie überspitzend nennt. Er
bestreitet die These der «wirtschaftlichen Integration ohne politische
Partizipation», die allerdings - wegen der Trennung von der innenpolitischen
Sphäre - für die öffentliche Wahrnehmung zutreffe. Divergenzen oder
Verschiebungen zwischen realer und mentaler Ebene werden in mehrfacher
Hinsicht erwähnt. Georg Kreis kritisiert, dass dem Einwanderungsland die
Bejahung dieses Phänomens und eine entsprechend umfassende Politik fehlten.
Klara Obermüller fragt nach den Gründen, weshalb sich lange keine
nachhaltige Vergangenheitsdebatte entspann, für die schon 1965 Walter
Matthias Diggelmanns Roman «Die Hinterlassenschaft» einen Ansatz geboten
hätte. Die «goldenen Jahre» werden von den Herausgebern in
Anführungszeichen gesetzt. Die stetige Aufwärtsbewegung habe das
Bewusstsein jener Generationen geprägt, doch solle keiner Mythisierung
Vorschub geleistet werden, schreibt Walter Leimgruber. In seiner
Darstellung von Lebensstandard und Lebensstil weist Jakob Tanner auf ein
Paradox der Konsumgesellschaft hin: Mit dem allgemeinen Versorgungsniveau
steigt auch der subjektive Bedarf, mit «Verbrauch» ist Verlust von
Vertrautem verbunden, zum Konsum gehört die Kritik. Angesichts der
Differenzierungen, die sich aus den Artikeln ergeben, erstaunt es, dass
Leimgruber in seiner Bilanz der «Epoche» die Erstarrung (vor allem mit
Blick auf das politische System) hervorhebt. Seine Forderung nach
«originelleren Ansätzen» als Liberalisierung und äussere Integration zeigt
nebenbei, dass das Sonderfalldenken auch Kritiker zu faszinieren vermag.
Walter Leimgruber, Werner Fischer (Hrsg.): Goldene Jahre. Zur Geschichte der
Schweiz seit 1945. Chronos-Verlag, Zürich 1999. 204 S., Fr. 34.-.
Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ.
Neue Zürcher Zeitung POLITISCHE LITERATUR 16.05.2000 Nr. 113 75