Die Malerin Sophie Schaeppi (1852–1921) reist 1874 zur Weiterbildung nach Paris. Mit Fayencemalerei und Illustrationen baut sie sich dort eine prekäre Existenz auf. Nach dem Tod ihrer Mutter hält sie ihr Versprechen und kehrt 1894 in ihr Elternhaus nach Winterthur zurück. Fernab der Anregungen der Metropole bleibt ihre künstlerische Tätigkeit fortan beschränkt. Sie führt den väterlichen Haushalt und kümmert sich um die Erziehung einer Nichte, Malunterricht und Kinderporträts sichern ihr ein eigenes Einkommen. Die Enge der Kleinstadt setzt ihr zu, sie leidet an Migräne und Augenkrankheiten. Dennoch nimmt sie am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt teil. Reisen lassen sie aufblühen, und die seltenen Stunden, die sie der Freilichtmalerei widmet, bedeuten ihr alles. Einige Jahre pflegt sie eine innige Freundschaft mit der Baronin Elisabeth Charlotte von Sulzer-Wart.
In ihren Tagebüchern schreibt Schaeppi zunächst über ihre existenziellen Nöte im geliebten Paris. Zurück in Winterthur beobachtet sie mit Anteilnahme, aber auch mit Abstand das bürgerliche Leben in der Stadt um die Wende zum 20. Jahrhundert. Eine Grossnichte und ein Urgrossneffe Schaeppis haben aus den umfangreichen Texten eine informative und unterhaltende Auswahl getroffen und aus dem Französischen übersetzt.
«Elisabeth Nigg-Schaeppi und François Guex haben die ausführlichen Tagebucheinträge ihrer Gross- und Urgrosstante Sophie Schaeppi von 1885 bis zu ihrem Tod 1921 durchforstet, aus dem Französischen übersetzt und zu einem Buch zusammengestellt. In ihm begleite ich Sophie durch ein Leben, das so launenhaft und ambivalent wie sie selbst ist: Stets an sich zweifelnd und chronisch krank wünscht sie sich an einem Tag den Tod und amnächsten schwärmt sie begeistert über die Schönheit der Natur und ihre tiefe Zuneigung zu ihren zahlreichen Freund*innen, Nichten und Neffen. Mal amüsieren mich ihre pointierten Einschätzungen, mal nervt mich ihre Wehleidigkeit. Trotz prekärer finanzieller Lage und Erwartungen der Familie kämpft Sophie immer wieder Raum in ihrem Leben frei für die Malerei. Am Ende fühlt es sich an, als hätte ich diese Frau mit ihren Stärken und Schwächen persönlich kennengelernt, und es tut etwas weh, mich von ihr zu verabschieden.»
«Sophie Schaeppis Grossnichte Elisabeth Nigg-Schaeppi und ihr Urgrossenkel François Guex geben als 363. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur ‹Das Tagebuch der Malerin Sophie Schaeppi (1851-1921)› heraus […]. Gestützt auf die Tagebücher ihrer letzten dreissig Lebensjahre erzählen sie von einem ‹Leben zwischen Entfaltung und Pflicht› einer bürgerlichen, aber nicht bourgeoisen Frau, die ihre Erfüllung in der Kunst sah.»