Die Ängste der Schaffhauser
Evakuationspolitik 1938-1945 im exponierten Grenzkanton
Erstmals wird in einer Buchpublikation ein Nebenaspekt der Schweizer Politik im Zweiten Weltkrieg beleuchtet: die Evakuationspläne für Menschen und Güter. Am Beispiel des Kantons Schaffhausen stellt Autor Matthias Wipf in «Bedrohte Grenzregion» die Angst der Bevölkerung und die Flucht über den Rhein dar.
kru. Die Furcht war gross in der Schweiz: In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1940, so glaubten viele, würden die Deutschen das Land angreifen. Schaffhausen war besonders exponiert. Das Territorium des nördlichsten Kantons war beinahe von der Schweiz abgekoppelt: mit einer 155 Kilometer langen, unübersichtlichen Grenzlinie zum Hitler-Staat, auf der Schiene vornehmlich über deutsches Gebiet erschlossen, verteidigt nur durch knapp 850 Wehrmänner eines einzigen Bataillons. Schaffhausen, so viel schien festzustehen, würde bei einem deutschen Angriff zuerst preisgegeben.
Panik nach Fehlalarm
Als am 14. Mai um 22.32 Uhr beim Bataillonskommando in Schaffhausen die Meldung einging, es sei «in Thayngen ein Zug ohne Halt durchgefahren», brach Panik aus. Das Brigadekommando befahl «Alarm-Überfall», und manche Schaffhauser wähnten sich nun im Krieg. Überstürzt verliessen sie die Stadt. Auf den Strassen, die für Truppenverschiebungen frei bleiben sollten, stauten sich Fahrzeugkolonnen, in den Bahnhofhallen liefen Reisende verängstigt durcheinander. Vielleicht 2000 Personen dürften Schaffhausen innert weniger Stunden über den Rhein Richtung West- und Innerschweiz, Berner Oberland und Tessin verlassen haben. Auch aus den andern nördlichen Grenzkantonen flüchteten die Menschen: aus St. Gallen, aus dem Thurgau, 20 000 bis 25 000 allein aus Basel. Der noble Zürichberg soll innert kürzester Zeit fast ausgestorben gewesen sein. Zum Glück erwies sich der Alarm als falsch: Der vermeintliche deutsche «Panzerzug» war in Tat und Wahrheit der letzte fahrplanmässige Zug, der jeweils leer und unbeleuchtet von Thayngen nach Schaffhausen zurückfuhr, der Fehlalarm eine Folge von Kommunikationsfehlern und grosser psychischer Anspannung. Bald kehrten die «Pfingsteidgenossen», wie die Geflüchteten dem Datum entsprechend genannt wurden, an ihre Wohnorte zurück.
Freiwillige Evakuation der Bevölkerung
Der Schaffhauser Historiker Matthias Wipf hat sich dieser Episode, insbesondere aber eines bisher kaum beleuchteten Aspekts des Zweiten Weltkriegs angenommen: der Schweizer Evakuationspolitik zwischen 1938 und 1945. Am Beispiel Schaffhausens stellt er dar, wie wenig detailliert die Behörden eine mögliche Evakuation der Bevölkerung aus den besonders bedrohten Landesteilen vorbereitet hatten. Die nationale Evakuationspolitik stand hinter den Interessen der Landesverteidigung zurück und sah eine klare Zweiteilung von militärisch befohlener und freiwilliger ziviler Evakuation vor. Als Mitte Mai der Ernstfall einzutreten schien, blieb eine militärische Evakuation allerdings aus, und die freiwillige Abreise erfolgte in einem heillosen Durcheinander.
Es seien keinesfalls nur die besseren Kreise gewesen, die damals bei Verwandten, Bekannten, in Hotels oder Ferienwohnungen Zuflucht gesucht hätten, sondern Menschen aller sozialen Schichten, stellt Wipf in seiner flüssig geschriebenen Dissertation fest. Etwa drei Prozent der Bevölkerung, vor allem aus der Stadt Schaffhausen, hätten ihre Flucht von langer Hand geplant. Trotz akribischem Quellenstudium hat Wipf allerdings keine verlässlichen Zahlen finden können, wie viele Schaffhauser sich letztlich über den Rhein in sicher scheinende Landesgegenden absetzten. Hingegen gelingt ihm, abgesehen von wenigen sprachlichen Unsorgfältigkeiten, eine lebendige, streckenweise spannende Schilderung der Ängste und Unsicherheiten der Zivilbevölkerung, die sich in Schaffhausen ziemlich vergessen vorkam. Das Buch profitiert davon, dass der Autor im Zeitraum von sechs Jahren nicht weniger als 140 Zeitzeugen befragt hat. Leider fehlt jeglicher Hinweis auf die Vorkehrungen der jüdischen Bevölkerung, die bei einem deutschen Angriff besonders gefährdet gewesen wäre.
Nach dem Mai-Chaos fand bei den Behörden ein Umdenken statt: Evakuationen galten nicht mehr als opportun, die freiwillige Abwanderung wurde gar verboten, vielmehr sollte mit dem Einrichten von Luftschutzkellern die Sicherheit am Aufenthaltsort erhöht werden.
Geld und Kunst in der Innerschweiz
Wesentlich besser vorbereitet war die Evakuation von Gütern, der Matthias Wipf im zweiten Teil des Buches nachgeht. Diese sei «in Planung und Umsetzung deutlich ernster» genommen worden als die Bevölkerungsevakuation, schreibt der Autor. Erstmals im September 1938 brachten die Banken ihre Bestände an Edelmetallen und Wertschriften nach Zug, Ob- und Nidwalden in Sicherheit. Nebenbei bemerkt stammt eine Errungenschaft der Banken aus jener Zeit: die Freizügigkeit im Sparkassenverkehr.
Auch die Kulturgüter wurden, wenn auch unkoordiniert und auf privater Basis, ins Landesinnere in Sicherheit gebracht: Mehrere Museen, Archive und Bibliotheken lagerten ihre Bestände zur Kriegszeit im Kloster Einsiedeln. Das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen wurde mit Fortdauer des Kriegs allerdings etwas sorglos; es zeigte seine Schätze lieber, als dass es sie sicherte - mit der Folge, dass bei der irrtümlichen Bombardierung Schaffhausens am 1. April 1944 durch US-Geschwader 71 Kunstwerke zerstört wurden. 400 Spreng- und Brandbomben trafen die Stadt, 40 Todesopfer und Schäden von über 40 Millionen Franken hatte sie zu beklagen.
(Zu) viele Bilder
«Bedrohte Grenzregion» füllt eine Lücke innerhalb der bereits umfangreichen Sachliteratur zum Zweiten Weltkrieg. Das Buch ist reich bebildert, unter anderem mit mehreren «Nebelspalter»-Karikaturen. Allerdings wäre weniger mehr gewesen: Bei manchen Bildern ist, da im Kleinstformat abgedruckt, die Aussage kaum mehr zu erkennen, Textdokumente lassen sich nicht mehr entziffern. Im Anhang fehlt ein Stichwort- oder Namensregister, hingegen gibt Matthias Wipf einen Überblick über die wichtigsten Daten in Zusammenhang mit der Evakuationspolitik. Insgesamt ist ihm eine lesenswerte Arbeit zu einem Nebenaspekt der schweizerischen Politik im Zweiten Weltkrieg gelungen.
Matthias Wipf: Bedrohte Grenzregion. Die schweizerische Evakuationspolitik 1938-1945 am Beispiel von Schaffhausen. Hrsg.: Historischer Verein des Kantons Schaffhausen. Chronos- Verlag, Zürich.
Neue Zürcher Zeitung INLAND Freitag, 12.08.2005 Nr.186 14
Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ.
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